Immunregulatorische Wirkungen von Schisandrachinensis: eine Grundlagenstudie zu den Lignanen Schizandrin und GomisinA

Schisandra chinensis

Die Früchte von Schisandrachinensis, einer in der traditionellen chinesischen Medizin weit verbreiteten Pflanze, die unter anderem bei Müdigkeit, Neurosen (Neurasthenie) und spontanem Schwitzen eingesetzt wird, sind in jüngster Zeit Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Untersuchungen hinsichtlich ihres Potenzials zur Modulation des Immunsystems geworden. Eine besonders bedeutende Studie, die 2011 in der Fachzeitschrift Molecules unter dem Titel „Die immunregulatorischen Effekte von Schisandrachinensis und seinen Bestandteilen auf humane monozytäre Leukämiezellen“ (PMID/PMC verfügbar) veröffentlicht wurde, untersuchte in vitro die Wirkung zweier wichtiger Lignane – Schizandrin (Sch) und Gomisin A (Gom A) – auf humane Monozyten-Leukämiezellen (THP-1-Zelllinie). PubMed +1Studienkontext und -ziele

Diese Studie basiert auf der Annahme, dass die Aktivierung oder Modulation von Immunzellen (hier: Monozyten/Makrophagen) durch Zytokinfreisetzung ein zentraler Mechanismus der Immunantwort des Wirts ist. Die Autoren betonen, dass Immunsuppression bei einer Vielzahl von Erkrankungen eine Rolle spielt und dass Nährstoffe oder sekundäre Pflanzenstoffe, die diese Reaktion stimulieren oder regulieren können, zunehmend an Bedeutung gewinnen.

PMC+1 Bislang fehlten für die traditionelle Verwendung von S. chinensis als Stärkungsmittel präzise molekulare Erklärungen für seine immunologischen Wirkungen. Ziel dieser Studie war es daher zu untersuchen, ob isolierte Inhaltsstoffe der Pflanze die Zytokinfreisetzung durch THP-1-Zellen modulieren und dadurch eine adaptive oder angeborene (humorale und zelluläre) Immunantwort auslösen können.

Methodik

Die Autoren extrahierten einen 95%igen Ethanolextrakt aus S. chinensis und isolierten anschließend zwei Lignane, Schizandrin und Gomisin A, die mittels HPLC-Chromatographie identifiziert wurden. PMC+2MDPI
+2 THP-1-Zellen (humane monozytäre Leukämie-Zelllinie) wurden mit diesen Substanzen in verschiedenen Konzentrationen (bis zu 100 µM) behandelt. Ein erster Toxizitätstest (MTT) bestätigte, dass die Zellviabilität bei den verwendeten Konzentrationen hoch blieb (>90 % bei 100 µM): Schizandrin ≈ 102,6 % Viabilität, Gomisin A ≈ 93,2 % (100 µM), gemessen.
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Anschließend wurde die Zytokinfreisetzung mittels Multiplex-Durchflusszytometrie für bestimmte Mediatoren gemessen: IL-8, GM-CSF (Granulozyten-Makrophagen-Kolonie-stimulierender Faktor) und MIP-1β (Makrophagen-Entzündungsprotein-1β). PMC

Gleichzeitig wurde die Expression der entsprechenden mRNAs mittels RT-PCR bzw. qRT-PCR (für IL-8, MIP-1β, GM-CSF) in den Zellen nach der Behandlung quantifiziert.

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Hauptergebnisse Die Studie zeigte, dass sowohl Schizandrin als auch Gomisin A die Freisetzung von IL-8 und MIP-1β sowie in geringerem Maße von GM-CSF durch THP-1-Zellen signifikant erhöhten. Beispielsweise ergaben Durchflusszytometrie-Daten bei einer Konzentration von 100 µM einen Anstieg von IL-8 um 136,21 ± 24,10 pg/ml für Schizandrin und um 67,15 ± 1,48 pg/ml für Gomisin A (verglichen mit der mittleren Kontrollgruppe) – Daten aus der veröffentlichten Tabelle.
PMC Die Freisetzung von MIP-1β war ebenfalls erhöht (24,49 ± 5,97 pg/ml für Schizandrin bei 100 µM, 21,30 ± 1,79 pg/ml für Gomisin A).

Auf mRNA-Ebene: Schizandrin (100 µM) wies ein IL-8/GAPDH-Verhältnis von ca. 1,73 (vs. Kontrolle) und ein MIP-1β/GAPDH-Verhältnis von ca. 1,49 auf (RT-PCR). Mittels qRT-PCR induzierte Schizandrin die MIP-1β-mRNA um den Faktor ca. 1,90. Gomisin A zeigte ebenfalls eine dosisabhängige Induktion: 2,71-, 2,56- bzw. 1,99-fache Erhöhung (100, 80, 60 µM) für MIP-1β (qRT-PCR).

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  1. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass S. chinensis durch seine Lignane sowohl die humorale als auch die zelluläre Immunität fördern kann – insbesondere durch die Aktivierung wichtiger Zytokine und die potenzielle Differenzierung/Hämatopoese von Zellen der monozytären Linie.

  2. MDPI Wissenschaftliche Interpretation: Diese Ergebnisse legen nahe, dass S. chinensis-Lignane eher als „Immunmodulatoren“ denn als reine „Immunstimulatoren“ wirken. Die Induktion von Zytokinen wie IL-8 und GM-CSF deutet auf eine Rolle bei der Aktivierung von Komponenten der angeborenen Immunität hin: IL-8 ist ein starkes Chemotaktikum für Neutrophile, MIP-1β lockt Makrophagen/Monozyten an, und GM-CSF stimuliert die Differenzierung und Proliferation von myeloiden Zellen. Diese Aktivierung kann zu einer besseren Reaktion auf Infektionen oder zu einer erhöhten Immunüberwachung beitragen.

  3. Die fehlende Bewertung aller Zytokine (z. B. IL-6, TNF-α, IFN-γ) oder von Studien am Menschen schränkt die Generalisierbarkeit der Ergebnisse jedoch ein. Zudem konzentriert sich die Studie auf eine Leukämie-Zelllinie (THP-1), die das Verhalten gesunder zirkulierender Monozyten möglicherweise nicht vollständig widerspiegelt. Schließlich ist ein Anstieg der Zytokine nicht immer vorteilhaft: Eine übermäßige oder unangemessene Aktivierung kann zu chronischen Entzündungen oder Immunfunktionsstörungen führen. Daher sollten diese Effekte im Kontext einer regulierten Modulation und nicht einer unkontrollierten Stimulation betrachtet werden.

Einschränkungen und Forschungsbedarf

Es sind einige Einschränkungen zu beachten: Das In-vitro-Modell (THP-1) ersetzt keine In-vivo-Studie am Menschen oder Tier mit einem vollständigen Immunsystem. Die Studie stammt aus dem Jahr 2011, weshalb weitere Forschung zur Bestätigung von Wirksamkeit und Sicherheit erforderlich ist.

Der genaue molekulare Mechanismus ist noch nicht vollständig aufgeklärt: Die Autoren selbst geben an, dass „der Wirkmechanismus von Schizandrin und Gomisin A noch nicht vollständig aufgeklärt ist“.

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